
Der Wandel der Mobilität ist bereits im Gange – genau wie die gesellschaftliche Debatte über Antriebe, Infrastruktur & Co. Welche Parallelen und Unterschiede zur Energiewende sind hier erkennbar? Was bedeutet das für die Kommunikation?
Der Wandel der Mobilität ist in vollem Gange. Vielerorts sind Veränderungen spürbar oder zum Greifen nah: Landauf, landab werden Masterpläne aufgestellt und Modellregionen ausgerufen. Alle sprechen über Ladesäulen, Wasserstoff, Radwege und öffentlichen Nahverkehr. Szenarien einer neuen, effizienteren, sauberen und günstigeren Mobilität machen die Runde.
Erinnert Sie das auch an eine andere Diskussion?
Als die Energiewende Fahrt aufnahm, standen die positiven Effekte im Vordergrund: Eine saubere Energieversorgung und Chancen für den Technologiestandort Deutschland. Später wurde Stück für Stück klar, dass auch Kosten für Wirtschaft und Verbraucher entstehen und sich manche Landschaften verändern würden. Zwar stehen heute neun von zehn Bürgerinnen und Bürgern hinter der Energiewende, aber konkrete Projekte stoßen vor Ort weiterhin oft auf Widerstand. Die Ursachen sind vielfältig. Neben lokaler oder persönlicher Betroffenheit geht es dabei auch um die Nutzung von immer knapper werdenden Flächen, um den Umgang mit Ressourcen, um gesellschaftliche Werte, das individuelle Verhalten. Aspekte, die auch den Wandel der Mobilität betreffen.
Was bedeutet das aus kommunikativer Perspektive?
Notwendig ist ein Dialog darüber, wie Mobilität in naher Zukunft aussehen soll und wie mit den Folgen umgegangen wird: Mehr alternative Antriebe senken Emissionen, aber setzen Hersteller und Zulieferer unter Druck – ohne das Stauproblem zu lösen. Mehr öffentlicher Nahverkehr dagegen zieht den teuren Ausbau von Infrastruktur und Fahrzeugflotten nach sich. Und wenn Flugreisen wirklich teurer werden oder die Paketlogistik an ihre Grenzen gerät, reichen die Auswirkungen weit in andere Branchen hinein.
Ein Blick zurück auf die Energiewende zeigt zwei Unterschiede:
- Die Erkenntnis, dass die Energiewende etablierte Branchen ebenso verändern würde wie manche Landschaften, kam erst mit Verzögerung in der Gesellschaft an. Im Verkehrssektor hingegen ist schon heute klar, dass Veränderungen unausweichlich sind. Überschrittene Emissionsgrenzwerte, endlose LKW-Schlangen, überfüllte Züge und reale Jobverluste in der Automobilindustrie belegen das eindrücklich. Beim Neu- und Ausbau oder der Umgestaltung von Verkehrsinfrastruktur – seien es Radwege, Bahngleise oder Ortsumgehungen – sind die Konfliktlinien zwischen Nutzern und Nachbarn, Befürwortern und Skeptikern sowie neuen und alten Anbietern schon sichtbar.
- Energie ist in Deutschland ein stets verfügbares Produkt (Stichwort „aus der Steckdose“). Die Dynamiken und Zusammenhänge bei der Erzeugung, dem Transport und der Bepreisung von Energie dagegen sind trotz jahrelanger (guter!) Kommunikation noch nicht allgemein bekannt. Im Themenfeld Mobilität ist das anders: Zwar ist der Bundesverkehrswegeplan ebenso wenig ein Bestseller wie die Netzentwicklungspläne für Strom und Gas. Der Preis für den Liter Benzin oder ein Monatsticket ist aber bekannter als der Preis für eine Kilowattstunde Strom. Die Entscheidung für oder gegen Fahrrad, Auto oder Bahn beim Ausflug in die Stadt oder ins Grüne kennt fast jeder. Und welcher Online-Shopper hat sich noch nicht über Lieferwagen in der zweiten Reihe geärgert?
Wir sehen also: der Wandel der Mobilität weist eine ähnliche Ausgangslage auf, wie wir sie aus der Energiewende kennen. Gleichzeitig sind Mobilitätsthemen stärker in der öffentlichen Wahrnehmung verankert.
Folglich wird auch die Diskussion stärker von Emotionen geprägt, denn mit dem Wandel geht auch die Veränderung von Gewohnheiten, vom eigenen Verhalten einher. Wer möchte schon auf die gerne genutzte Möglichkeit des günstigen Städtetrips per Flugzeug oder den Komfort des eigenen Autos verzichten? Der Wandel der Mobilität erfordert Entscheidungen – auf der Berliner Bühne ebenso wie vor Ort. Gleichzeitig wollen Bürgerinnen und Bürger heute in die Entscheidungsfindung zu Themen aller Art aktiv einbezogen werden. Wichtige Voraussetzungen für gesellschaftliche Akzeptanz und die Umsetzbarkeit von Projekten sind deshalb eine umfassende Kommunikation und Mitwirkungsformate, die auf die spezifische Situation zugeschnitten – von Information und Medienarbeit über Dialog bis hin zur Beteiligung. Nur so kann angemessen auf Emotionen reagiert und ein sachlicher Austausch begonnen werden. Weitere Erfolgsfaktoren sind Transparenz, Kontinuität und ein klar definierter Handlungsspielraum. Das ist in zahlreichen Energiewende-Projekten deutlich geworden.
Deshalb sind die Erkenntnisse aus der Energiewende-Kommunikation für die Mobilität der Zukunft und die Akzeptanz künftiger Verkehrsprojekte wertvolle Quellen.
Autor: Daniel Hitschfeld, 10.02.2020